Fotoarbeit von Boris v. Brauchitsch nun im Besitz des GiKaMu

06.12.2016
 

Ab jetzt sind sie im GiKaMu künstlerisch dokumentiert, die speziellen Rudelbildungen von Gießwerkzeugen, wie sie auf vielen deutschen Friedhöfen zu finden sind! In diesem November konnte das Gießkannenmuseum seinen Bereich mit künstlerischen Arbeiten durch ein fotografisches Tableaus des Berliner Künstlers Boris v. Brauchitsch erweitern. Eine Neuerwerbung dieser Art, die sich thematisch wunderbar in die Sammlungsbestände einfügt, konnte nur durch eine großzügige Spende realisiert werden, die speziell diesen Ankauf zum Ziel hatte.

Die großformatige Arbeit stammt aus der Serie „Soziales Plastik“ (2009) und spielt leichtfüßig mit dem Beuys’schen Kunstbegriff. Das Tableau besteht aus neun quadratischen Fotografien, die in drei Reihen angeordnet sind und farbenfrohe, vom Gebrauch gezeichnete Plastikkannen zeigen. Diese finden sich in wirren Ballungen zusammen – mit zweckentfremdeten Fahrradschlössern an eigens dafür vorgesehene Metallgestelle gegurtet. So zeigt sich eine bewährte und auf vielen Friedhöfen anzutreffende Praxis, die vor der unrechtmäßigen Verschleppung der Gießgefäße schützen soll. Boris v. Brauchitsch liefert folgende Gedanken zu den gefundenen Sammelsurien mit:

Soziales Plastik gibt es überall. Nicht als Aufstand der Dinge und auch nicht als erweiterten Kunstbegriff, sondern als Materialisation von Denkstrukturen. Eine Freude für den Fotografen, wenn für jeden Toten eine Gießkanne da ist, angekettet mit einem Fahrradschloss, damit die autorisierten Überlebenden Grabpflege betreiben können bis auch sie sterben. Dann sind nur noch die Kannen da, herrenlos und theoretisch frei, aber auf ewig gesichert mit Schlössern, zu denen nur die Toten den Code oder den Schlüssel besitzen. Vermutlich sind manche Gräber, die mit den Kannen gegossen wurden, inzwischen sogar abgeräumt – die „Ruhezeit“ beträgt zwanzig Jahre – so dass das Letzte, das an sie erinnert, die anonymen Gießwerkzeuge sind.

Boris von Brauchitsch (*1963), der sich als Fotograf, Autor und Kurator international einen Namen gemacht hat, ist sowohl in den Feldern der betrachtenden und analysierenden als auch in denen der praktizierenden Kunst unterwegs. Frei nach dem Gießkannenprinzip seien an dieser Stelle nur einige Fakten aus seiner Vita extrahiert: Promotion im Bereich Fotografiegeschichte, kuratorisch tätig für unterschiedliche renommierte Institutionen der zeitgenössischen Kunst, Autor von kunsttheoretischen Publikationen in den Verlagen Reclam, Suhrkamp, DuMont; er schrieb u. a. „Die kleine Geschichte der Fotografie“ und veröffentlichte jüngst bei Kehrer das aufwendig gestaltete Künstlerbuch „9“.

Nun sind ebenfalls neun Gießkannenmotive aus der für v. Brauchitsch typischen 3 x 3-Motivreihe im GiKaMu zu sehen.