Gießkannen in fremden Berufen

Beschäftigt man sich mit der Gießkanne und ihrem Einsatzbereich, kommt man über kurz oder lang zu der Erkenntnis, dass sie neben ihrer Haupttätigkeit als Grün pflegendes Gießwerkzeug rege und unverblümt anderweitig genutzt wird. „Die Gießkanne in fremden Berufen“ ist also ein Phänomen, das es unzweifelhaft wert ist, näher beleuchtet zu werden. Scheint die Gießkanne doch mehrere Umschulungen mitgemacht und sich auf verschiedene gartenfremde Bereiche spezialisiert zu haben.


Ein kurzer Blick ins Internet verblüfft rasch mit einer unglaublichen Menge an Facetten von Gießkannennutzungen, die weit über das schnöde Bewässern von Topf- oder Gartenpflanzen hinausgehen. Kreatives, Absurdes und Missbräuchliches versammelt sich da und zeigt die Gießkanne u.a. als Sportgerät, Blasinstrument, Opfer von Explosionsanschlägen, als Trink-, Spiel- und Wohnangebot für Tiere oder als wehrloses Dekorationsopfer sowie – sehr häufig – als schnelle, zielgerichtete und mengenmäßig umfängliche Zuführerin von Alkohol. Jeder Interessierte kann sich hier durch wenige Klicks schnell ein Bild verschaffen und staunen, zu welch teilweise irritierenden Verwendungen die Gießkanne ihre Besitzer zu animieren vermag.

An dieser Stelle möchten wir jedoch eher auf die Bereiche eingehen, in denen sich die Gießkanne inzwischen „professionalisiert“ hat und ihren anders gearteten Einsatz weniger launigen Einfällen Einzelner verdankt.


Im Staub von Tank- und Baustellen


Weit entfernt vom Gartenkontext übernimmt die Gießkanne wässernde Tätigkeiten in Bereichen, die mehr Beton als Grün zu bieten haben – zum Beispiel an Tankstellen. Dort vertritt sie häufig die mit ihr familiär verbandelte Kühlwasserkanne und füllt so in Stellvertretung Kühler oder Scheibenwischanlagen durstiger PKWs. Dabei steht sie ihren zumeist schwarzen oder grauen Schwestergefäßen in fast nichts nach, wenn man einmal von der leicht abgewinkelten und schmal zulaufenden Tülle der Kühlwasserkannen absieht, die sich auf das Treffen kleiner Öffnungen spezialisiert hat. Zielgenauigkeit der PKW-Halter kann dieses vernachlässigbare Manko der Gartenkannen aber behände ausgleichen, was dazu führt, dass vor ihrem Einsatz an Tankstellen nicht zurückgeschreckt wird.

Ähnlich wenig Flora und mehr Asphalt bekommen auch jene Gießkannen zu sehen, die ihr Arbeitsleben auf Baustellen verbringen. Überall dort sind sie zum unabkömmlichen Werkzeug geworden, wo punktuelles Bewässern oder leichtes Benetzen mit Wasser nötig wird. So finden wir Gießkannen gerne in der Nähe dampfender Teerflächen oder griffbereit, wenn Mauerwerk oder Verputz nur langsam Durchtrocknen soll. Viel schneller als ihre Kumpel aus dem Garten weisen die Baustellenkannen daher Spuren ihres harten und schmutzigen Arbeitseinsatzes auf.


Den Baustellenbedürfnissen angepasst hat sich in ihrem phänotypischen Erscheinungsbild die Bitumenkanne. Sie kommt bei Straßenreparaturen oder dem Dachdeckerhandwerk zum Einsatz. Als „Asphaltiergerät“ hat sie die Umschulung weg vom „Gartengerät“ vortrefflich gemeistert und weist nun ein dickeres Rohr mit großer Ausgießöffnung auf, um den heißen, flüssigen Bitumen problemlos ausfließen zu lassen. Einige Modelle zeigen noch eindeutig verwandtschaftliche Beziehungen zur Freilandgießkanne auf, andere haben sich weiterentwickelt und erinnern eher an solide Eimer mit aufgesetztem Trichterausguss.


Jägerinstrument


Neben professionellen Ausflügen auf diverse Baustellen, zieht es die Gießkanne auch zurück in die Natur, um genauer zu sein: in den Wald. Dort ist sie bisweilen in Begleitung von Jägern anzutreffen, die sich in einer speziellen Lautmalerei üben: der Kunst, wie ein Hirsch zu rufen. Da nur wenige Hirschrufer ganz ohne Hilfsmittel auskommen, um wie ein echtes, kapitales Rotwild zu tönen, ist Unterstützung erlaubt. Und so kommt die Gießkanne zum Einsatz, um dem Platzhirsch durch gekonntes Gießkannenröhren einen Nebenbuhler vorzutäuschen und ihn dazu zu bewegen, aus der Deckung zu kommen. Neben anderen Instrumenten wie bearbeiteten Ochsenhörnern, Tritonschneckengehäusen oder Glaszylindern alter Petroleumlampen, hat sich die Gießkanne mit ihrem guten Resonanzkörper den Rang eines Klassikers im ordentlichen Hirsch-Imitations-Instrumentarium erworben. Außerdem ist ihr zugute zu halten, dass sie den stolzen Jäger mit der Gießkannentülle am Mund für einen kleinen Moment recht putzig aussehen lässt.


Der Einsatz als mehr oder weniger wohltönendes Blasinstrument hat sich manch experimentierfreudiger Musiker vielleicht vom Waidmann abgeschaut. Das Gießener Gießkannenensemble hat diese Kunst auf jeden Fall verfeinert.


Tanzexpertin


Wir verlassen den Wald und kommen zum Tanzboden, denn auch hier ist die Gießkanne anzutreffen – und das gleich zweifach, in unterschiedlichen Aufgabenfeldern. Blättert man in bebilderter Literatur zum Thema „Tanz“ und bestaunt die dort abgebildeten schwarz-weißen Fotografien von klassischen Balletttänzern und deren schweißtreibenden Übungsstunden, dann fällt auf, dass sich immer wieder die vorwitzige Tülle einer Kanne ins Bild schiebt oder die Gießgefäße gleich mehrfach am Rande der Tanzfläche auftauchen. Dies erlauben sie sich, weil sie hier wässernd aktiv werden und die hölzernen Böden der Tanzsäle tanztauglich und rutschfest besprenkeln. Erstaunlicherweise hat sich die Gießkanne im Ballettkontext zudem als Tanzpartnerin etabliert. Beim Schmökern in den Richtlinien des „Examination Board“ der Londoner „Royal Academy of Dance“, so stößt man in der Prüfungsordnung auch auf die Gießkanne, die hier als eines der obligatorischen Requisiten für die Grade-1-Prüfung aufgeführt wird. Soviel Grazie und Musikalität hätte man dem Gartengerät nun wirklich nicht zugetraut.

Spionage mit Tülle und Brause


Man könnte meinen, es sei nur ein übles Gerücht, dass die positiv besetzte Gießkanne auch in weniger rühmlichen Berufen zum Einsatz gekommen sein soll, doch leider ist es eine Tatsache. So hat sie sich zu DDR-Zeiten tatsächlich von der STASI zu Spionagezwecken missbrauchen lassen. Auskunft darüber geben Ausstellungen, die die perfiden Methoden und Instrumentarien der Staatssicherheit aufarbeiten und dem verblüfften Publikum darbieten. Dort wird von Gießkannen berichtet, mit denen ein vermeintlicher Gärtner über einen kleinen Auslöser im Henkel die Trauergemeinde eines verblichenen „Staatsfeindes“ bei dessen Beerdigung ablichten konnte…


Dieses unschöne Kapitel der „Gießkanne in fremden Berufen“ ist zum Glück abgeschlossen und es bleibt zu hoffen, dass die gegenwärtigen und zukünftigen Umnutzungen der Kanne weniger schädlich und hinterhältig sind. Denn zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Gießkanne, so sie in anderen Berufen wirksam wird, im Wesentlichen ihrer hegenden und pflegenden Bestimmung verbunden bleibt und eher konstruktiv und ästhetisch ambitioniert arbeitet.


(Ingke Günther)