Ausstellungsreihe FREIFLÄCHE

Seit 2018 lädt das Gießkannenmuseum einmal im Jahr eine zeitgenössische künstlerische Position zur Umsetzung einer Ausstellung ein. Ausgewählt werden für diese Reihe, die unter dem Titel FREIFLÄCHE läuft, renommierte bildende Künstler:innen, deren Arbeiten sich inhaltlich mit den Themenbereichen der Sammlung in Verbindung setzen lassen.

Die Räumlichkeiten des Museums verfügen über eine große Wandfläche, die der Reihe auch ihren Namen gibt. Die Ausstellung ist zudem gut von außen über die Schaufenster des Museumsraums einsehbar.

Die FREIFLÄCHE wird von Ingke Günther und Jörg Wagner kuratiert sowie vom Kulturamt der Universitätsstadt Gießen gefördert.

Pandemiebedingt musste diese Reihe im Jahr 2020 ausgesetzt werden. Für den Herbst 2022 ist eine Ausstellung mit dem Fotokünstler Felix Dobbert in Planung.


Barbara Camilla Tucholski:
Die kleinen Gärten des Glücks

Ausstellung 2021

Eröffnung: 7. November 2021 um 11 Uhr
Einführung: Ingke Günther
Ausstellungsdauer: 8. November 2021 bis 13. Februar 2022
Ort: Sonnenstraße 3, 35390 Gießen
Öffnungszeiten:
Mittwochs 11-13 Uhr
Freitags 15-18 Uhr
Samstags 12-15 Uhr u.n.V.

Barbara Camilla Tucholski ist Malerin und Zeichnerin. Neben ihrer Auseinandersetzung mit dem Menschenbild von der frühen Kindheit bis ins hohe Alter sind es häufig räumliche Gegebenheiten, die sie in verdichteter Weise in den Blick nimmt. Häuser, Straßenzüge, Zimmer, Flure, Treppen oder Gartenräume werden in zeichnerischer Verknappung eingefangen. Was viele der mit Bleistift festgehaltenen Ausschnitte von Welt auszeichnet, ist eine perspektivische Eigensinnigkeit. Räume werden gebogen, ausgedehnt oder mehransichtig gezeigt und erlangen so eine besondere Konzentration.

Im Rahmen der Reihe FREIFLÄCHE zeigen wir zwölf Bleistiftzeichnungen, die Schrebergärten abbilden. Bereits seit den 1990er Jahren widmet sich die Künstlerin abgezirkelten Kleingärten, die sich aufzuklappen scheinen und doch nur wenige, aber prägnante Details preisgeben. In unterschiedlichen Zeichnungszyklen werden die Arbeiten dann zusammengefasst. Die KEINEN GÄRTEN DES GLÜCKS sind im vorpommerischen Loitz, in Rostock und Schönberg entstanden.

„Mir ging es um die Vielfalt dieser Gevierte, um die Spannung der sowohl anonymen als auch höchst privaten Parzellen.“, so Barbara Camilla Tucholski.

Die kleinen Gartenrefugien hat sie als Spaziergängerin aufgesucht, als Herumstreifende. So sind ihre Grafiken zügig gesetzte Notationen; Konturlinien fangen das Gesehene in einer flüchtigen Prägnanz ein. Was alle zwölf Zeichnungen verbindet, die wir im Gießkannenmuseum zeigen, ist der auftauchende Bildgegenstand einer Minimalbehausung. Kleine Datschen, Gartenhäuschens oder budenartige Geräteschuppen stehen für den Garten als Rückzugsraum – als Ort, den man fassen, bearbeiten und überblicken kann. Als Ort, der ein kleines Freiheitsversprechen birgt, sei es auch umzäunt.
Die KLEINEN GÄRTEN DES GLÜCKS kommen spröde daher, sperrig und zuweilen entleert. Der Bleistiftstrich wirkt stellenweise wie aufgespannter Draht und die Flächen, die er umfasst, bleiben nahezu unbeschrieben. Und so scheint sich das Glück in den Zwischenräumen dessen einzunisten, was sparsam festgehalten ist.


Barbara Camilla Tucholski (*1947 in Loitz an der Peene) lebt und arbeitet in Pendelbewegungen zwischen Oevelgönne in Schleswig-Holstein und Rom. Ihr Studium absolvierte sie an der Düsseldorfer Kunstakademie und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Von 1995 bis 2013 lehrte sie als Professorin an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Im Jahr 2016 wurde ihr der Egmont-Schaefer-Preis für Zeichnung verliehen. Ihre Arbeiten erhielten in zahlreichen internationalen Ausstellungen Aufmerksamkeit; ihre Zeichnungen befinden sich u. a. in folgenden öffentlichen Sammlungen: Graphische Sammlung Städel Museum, Frankfurt / Kunsthalle zu Kiel / Kunstmuseum Bonn / Museum Kunst Palast, Düsseldorf / Sammlung Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach / Staatliche Graphische Sammlung München / Casa di Goethe, Rom / Die Albertina, Wien / Hamburger Kunsthalle / Graphische Sammlung Dresden / Frac Picardie, Amiens.

Barbara Eichhorn:
Der innere Kompass

Ausstellung 2019

Die in Wien lebende Künstlerin Barbara Eichhorn, die sich explizit als Zeichnerin versteht, zeigt Auszüge aus ihrem 70-teiligen Werkzyklus Der innere Kompass.
In diesem verknüpft sie auf sensible Weise botanische Bildelemente mit handgeschriebenen Textpassagen. Die 2016 entstandene Arbeit umfasst vier Kapitel; das letzte Kapitel ist für die Ausstellungsfläche im GiKaMu ausgewählt worden. Die Künstlerin schreibt zu dieser Serie: „Handschriftlich zusammengetragene Textauszüge verschiedener Autoren bilden in Form und Inhalt ein Nachdenken über den Zustand unserer Gesellschaft, ein Ordnen der Flut an täglichen Informationen und Meinungen und ein Sortieren der eigenen Gedanken. Über den Texten liegen in zweiter Schicht Frottagen von getrockneten Pflanzenblättern, so dass die Texte nur noch bruchstückhaft zu lesen sind und in dieser Lückenhaftigkeit im Kopf des Betrachters – sofern meine Handschrift überhaupt lesbar ist – eigene Geschichten entstehen. Die Pflanzen sind wahllos gepflückte Wiesenpflanzen und Unkraut, teilweise von Schnecken zerfressen. In ihrer Fragilität stehen sie für die Brüchigkeit unseres Seins, für gegenwärtige Gesellschaftsordnungen und -zustände.“

Jette Flügge:
Rückzugsgebiete

Ausstellung 2018

Für das Gießkannenmuseum und unsere große Freifläche hat Jette Flügge (Iserlohn) eine ortsbezogene Arbeit entwickelt.
Die Druckgrafikerin nutzt das Prinzip der Vervielfältigung, hat dabei aber stets das einzelne Blatt im Blick. Am Ende des Prozesses steht daher in der Regel ein Unikat, das sich aus dem Arbeitsprozess heraus entwickelt hat. So auch in der Wandarbeit Rückzugsgebiete: Sie ist aus 4 x 6 Einzelblättern zusammengesetzt und zeigt einen stilisierten Gartenraum. Die Künstlerin zu diesem Motiv: „In einem großen Garten findet sich zusammen, was ich über Jahre in Linol geschnitten habe. Im Garten wirkt der Mensch, er ordnet, unterdrückt, aber er pflegt auch, lässt Pflanzen gedeihen. In der wandfüllenden Arbeit erkunde ich die Tätigkeiten des Gärtners, aber vor allem die Pflanzen, die dort gedeihen. Meine persönliche Vorstellung eines Gartens schleicht sich mit ein, sogenannte Unkräuter gesellen sich neben die Zierpflanzen. Es entsteht ein imaginärer Raum, in dem sich die verschiedenen Eindrücke zusammenfügen und zu einer Landschaft öffnen.“